Resonanz

Anke Schmich spricht über die Künstlerin Claudia Seider

Zu den Werken Claudia Seiders anlässlich der Ausstellung „Erlebnisse der Seele machen Spuren im Gehirn“ am 25.01.2015


Claudia Seiders künstlerisches Wirken ist von einem grundlegenden Anthropozentrismus geprägt, d.h. sie stellt generell den Menschen ins Zentrum ihres künstlerischen Schaffens.
Die Skulpturen Claudia Seiders sind durch ihre Dynamik verlebendigt und suggerieren dem Betrachter ein schon fast intimes Verhältnis. Die bronzenen, nackten Körper sind dem Blick des Rezipienten von allen Seiten verfügbar. Das Herumgehen um die Skulptur ist also erwünscht, ebenso die vorsichtige Berührung derselben, denn das haptische Erlebnis ist mindestens genauso eindrucksvoll wie das visuelle. Die Sensualität durch das Berühren der kühlen Bronze verfestigt den Eindruck, den das Kunstwerk als Erinnerungsspur in unserem Gehirn hinterlässt. Scheuen Sie sich also nicht, sich so zu benehmen wie Kleinkinder, denn auch sie lernen nicht nur sehend, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes „begreifend“…
Die den Figuren innewohnende psychologische Komponente kann also vom Betrachter sowohl sehend / visuell als auch fühlend / tastend erfahren werden. Die Skulptur definiert sich hier als ein Medium, das unsere Vorstellung und unser Verlangen nach Unsterblichkeit erfüllt oder zumindest sehr wahrscheinlich erfüllt, denn Bronze als Material verspricht eine gewisse Langlebigkeit und so erhält auch die ihnen innewohnende Ästhetik ein Credo der Omnipräsenz in Geist und Seele. Der Genuss des Betrachtens wirkt nach und hinterlässt ein Gefühl des Wohlempfindens, das sich als positive Erfahrung tief im Gehirn verankert. Das Licht wird auf der bronzen schimmernden Oberfläche reflektiert, Schatten bilden sich in Körpermulden und Hohlformen. Muskelpartien wölben sich kantig auf, Extremitäten verflüchtigen sich elegant zu abstrakten Formen. In diesen Skulpturen vereinen sich Dynamik, Bewegung und Statik gleichermaßen. Die Aktskulptur präsentiert sich hier nicht nur als fixierter Moment gelungener Köpergestaltung, sondern gleichsam als lebendige und dennoch örtlich festgelegte Materialisierung eines inneren Gefühls oder einer zwischenmenschlichen Beziehung.
Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks und der Veröffentlichung, auch in digitalen Medien, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Dass die ihnen immanente Bedeutung eine universelle Gültigkeit im Auge des Betrachters erlangt, ist das Verdienst Claudia Seiders, da sie ihren Figuren meistens kein Gesicht und manchmal sogar noch nicht einmal die Silhouette eines Hauptes gönnt. Die Torsohaftigkeit, das Fehlen einer eindeutigen Identität, die Unmöglichkeit der konkreten personellen Zuordnung, bietet uns als Rezipienten die unmittelbare Chance der Identifikation. Das Fragmentarische, das Unvollkommene rückt das Menschsein in den Vordergrund und lässt Emotionen, als auch psychische wie physische Reaktionen lebendig werden. Kraft und Anstrengung werden ästhetisch komprimiert, um sich in einer abstrakt reduzierten Körperlichkeit zu offenbaren. Das Skulpturenpersonal Claudia Seiders bewegt sich in einem Interaktionsraum zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen der klassischen Formgebung und der abstrakten Moderne. Brancusi, der seine Gesichter so weit abstrahierte, dass nur noch gebrochene Ovalformen übrig blieben, ging nicht so weit wie Frau Seider, die ja zum Teil ganz und gar auf die Köpfe verzichtet. Die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des menschlichen Körpers wird durch die Reduktion der plastischen Ausformulierung des Kopfes und diverser Extremitäten gebrochen. Dennoch zeichnen sich diese Skulpturen durch Klarheit, Einfachheit, Stringenz und zeitlose Schönheit aus. Trotz oder gerade wegen ihrer Reduziertheit gewinnen sie an Dramatik und Stärke im Ausdruck. So auch in den Arbeiten, die sich durch die paarweise Darstellung der Figuren generieren, hier kommt die Existenzialität der Beziehungen („Miteinander“/„Gegeneinander“) spannungsvoll zum Ausdruck. Diese Aktdarstellungen sind gekennzeichnet durch die Nähe zur Natur und zur menschlichen Kreatur. Die selbstverständliche Balance legt Zeugnis ab von der Differenziertheit der formalen Mittel, die zu einer beeindruckenden Harmonie führt. Diesen Figuren ist jede Zerrissenheit fern, sie haben etwas Kraftvolles und weisen über sich selbst hinaus.
Claudia Seider bewegt sich daher mit ihren Arbeiten auf einem schmalen Grat zwischen Konvention und Innovation. In ihren Figuren steckt eine Urkraft, der man sich kaum entziehen kann, eine beständige Energie – und beileibe nichts Flüchtiges und Vergängliches.


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